Ein Teil von mir will, ein anderer kann nicht - innere Anteile verstehen

Du weißt eigentlich genau, was du möchtest und trotzdem tust du es nicht. Vielleicht kennst du diese innere Spannung.

Hinweis: Das Bild basiert auf einem Originalfoto der Autorin - Praxis in Leithaprodersdorf. Einzelne gestalterische Elemente wurden mithilfe KI ergänzt und dienen der Veranschaulichung.
Vielleicht kennst du Situationen, in denen du dich selbst nicht ganz verstehst:
Ein Teil von dir möchte endlich eine Grenze setzen. Ein anderer möchte Harmonie. Einer ist wütend, während gleichzeitig Scham auftaucht. Du möchtest etwas verändern und trotzdem hält dich etwas zurück.
In der psychologischen Beratung kann es hilfreich sein, solche unterschiedlichen inneren Zustände genauer wahrzunehmen. Die Perspektive auf innere Anteile kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie der Blick auf körperliche oder emotionale Stressreaktionen.
Aus einer traumasensiblen und nervensystemorientierten Perspektive geht es dabei vor allem uns eines: mehr Selbstverständnis, mehr Handlungsspielraum und einen achtsamen Umgang mit dem eigenen Erleben.
Dabei geht es in diesem Beitrag nicht um Traumatherapie oder die Behandlung psychischer Erkrankungen, sondern um Orientierung und psychoedukative Impulse.
Wenn sich etwas in uns widersprüchlich anfühlt
Vielleicht kennst du diese inneren Sätze:
"Ich möchte endlich Nein sagen." Und gleichzeitig "Aber dann in die andere Person enttäuscht."
"Ich bin eigentlich wütend." Und gleichzeitig: "Ich darf doch nicht so sein."
"Ich brauche eine Pause." Und trotzdem machst du weiter.
Wir können uns solche widersprüchlichen Reaktionen als unterschiedliche innere Perspektiven oder Zustände vorstellen. Das ist zunächst eine hilfreiche Beschreibung unseres Erlebens - keine Diagnose.
Was bedeutet "Arbeit mit inneren Anteilen"?
Die Idee, das Menschen unterschiedliche innere Zustände erleben können, ist nicht neu.
Die Ego-State-Therapie beschreibt unterschiedliche Ich-Zustände, die sich beispielsweise in bestimmten Situationen oder unter bestimmten Belastungen stärker zeigen können. Das Internal Family Systems Model (IFS) von Richard Schwartz betrachtet die Psyche als ein System verschiedener "Parts" oder Anteile.
Die strukturelle Dissoziation wiederum ist ein spezifisch traumabezogenes Konzept. Es beschreibt, wie insbesondere nach chronischer oder überwältigender Traumatisierung unterschiedliche psychische Handlungssysteme bzw. Persönlichkeitsanteile entstehen können. Dieser Ansatz ist daher nicht einfach gleichzusetzen mit jeder Form von innerem Konflikt.
Im Alltag kann die Sprache von "Anteilen" trotzdem sehr hilfreich sein.
Zum Beispiel:
🌿 der leistungsorientierte Anteil
🤍 der verletzte Anteil
⚡ der wütende Anteil
🌑 der ängstliche Anteil
🧸 das innere Kind
🛡️ der schützende Anteil
Auch Begriffe wie "inneres Kind" werden häufig verwendet. Dabei handelt es sich eher um einen bildhafte Sprache für bestimmte emotionale Erfahrungen oder Bedürfnisse.
Wie kann das in der Psychologischen Beratung aussehen?
In meiner traumasensiblen Arbeit geht es oft nicht darum, einen Anteil "wegzumachen". Stattdessen entsteht ein Raum, in dem verschiedene innere Stimmen wahrgenommen werden dürfen.
Manchmal wird dies auch symbolisch mit unterschiedlichen Stühlen oder Positionen im Raum dargestellt.
ein Stuhl für die Wut,
einer für die Scham,
einer für die Angst,
vielleicht einer für das innere Kind.
Dadurch wird aus einem zunächst schwer greifbaren inneren Erleben häufig etwas, das beobachtbar und verstehbar wird.
Was passiert dabei im Nervensystem?
Wenn ein Anteil nicht bewertet, sondern wahrgenommen wird, berichten Menschen oft körperliche Veränderungen:
tiefes Atmen,
weniger Druck,
mehr Bodenkontakt,
weniger Überwältigung,
mehr innere Ordnung.
Das Ziel ist nicht, Gefühle zu beseitigen, sondern besser regulierbar und haltbarer zu machen. Denn Regulation wird als die Fähigkeit beschrieben, um nach Aktivierung wieder in Verbindung und Sicherheit zurückzufinden.
Warum Sicherheit wichtiger ist als Konfrontation
Frühere Ansätze betonen manchmal stark das "Durcharbeiten" belastender Inhalte. Die traumasensible Arbeit setzt auf dosierte Annäherung. Nicht die Intensität einer Auseinandersetzung ist entscheidend, sondern die Sicherheit, in der etwas betrachtet werden kann. Deshalb achten viele nervensystemorientierte Ansätze auf:
Tempo und Pausen,
Orientierung im Raum,
Körperwahrnehmung,
Ressourcen,
Beziehung & Co-Regulation.
Denn belastende Erfahrungen sind nicht nur als Erinnerungen gespeichert, sondern auch als körperliche und autonome Reaktionsmuster.
Kleine Veränderungen sind oft die wichtigsten
Nervensystemorientierte Arbeit zeigt sich oft nicht in spektakulären Durchbrüchen, sondern in kleinen, wiederholten Veränderungen im Alltag. Häufige Veränderungen sind:
früher bemerken, dass man angespannt ist,
sich schneller beruhigen können,
Grenzen klarer spüren,
weniger gegen sich selbst kämpfen,
Unterstützung annehmen können,
sich im eigenen Körper etwas sicherer fühlen.
Das Nervensystem lernt durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung und Selbstwirksamkeit.
Mein Verständnis von innerer Anteile- und Nervensystemarbeit
Mein Verständnis von inneren Anteilen wurde durch verschiedene Aus- und Weiterbildungen geprägt, darunter Neurolinguistisches Programmieren, systemische Beratung, traumasensible Beratung, nervensystemorientierte Ansätze sowie psychoedukative Modelle zu Stress und Selbstregulation.
In meiner traumasensiblen psychologischen Beratung verstehe ich innere Anteile nicht als Problem, sondern als Botschafter früherer Erfahrungen.
Ein wütender Anteil möchte vielleicht schützen.
Ein ängstlicher Anteil möchte vielleicht warnen.
Ein erschöpfter Anteil möchte entlasten.
Ein kindlicher Anteil möchte gesehen werden.
Und oft braucht keiner dieser Anteile sofort Veränderung. Oft braucht er zuerst: 🤍 Verständnis, 🤍 Sicherheit,🤍 Beziehung und 🤍 einen Ort, an dem er nicht bewertet wird.
Fazit
Das Arbeiten mit "inneren Anteilen und mit dem Nervensystem ergänzt sich auf wertvolle Weise. Die entsprechende Frage lautet nicht nur: Was denke ich ? sondern auch "Welcher Teil von mir spricht gerade - und wie sicher fühlt sich mein Nervensystem in diesem Moment?"
Wenn Menschen beginnen, ihre inneren Anteile nicht mehr zu bekämpfen, sondern ihnen neugierig und achtsam zu begegnen, entsteht häufig etwas sehr Wichtiges: Nicht perfekte Selbstkontrolle. Sondern mehr innere Verbindung, mehr Selbstverständnis und mehr Sicherheit im eigenen Erleben.
Welchen inneren Anteil kennst du besonders gut?



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